Unser beider Münch 4 TTS (die 418te von allen)
Zu meiner Studienzeit in Braunschweig in den 70er Jahren hatte ich meinen bald sehr guten Freund Rainer kennen gelernt, allgemein genannt „Sandy“, der leider viel zu früh verstorben ist. Wir fuhren damals auch schon ältere Motorräder, ich eine Falcone, er eine R26.
Natürlich träumten wir von mehr, von schneller, von größer. Da ich aus Nidda stammte und in unserem kleinen Motorradclub MC71 Bobenhausen auch Friedel Münch schon mal auftauchte und ich ihn auch schon in seiner Werkstatt in Nieder-Florstadt besucht hatte, erzählte und schwärmte ich von einer Münch. Ein Poster mit Friedels Unterschrift von damals hängt noch heute in meinem kleinen Motorradmuseum.
Vor allem Sandy betonte dann immer wieder, dass er sich diesen Traum nach Beendigung seiner Augenoptikerlehre erfüllen wolle. Das hat ihm damals fast niemand geglaubt. Wetten wurden abgeschlossen. Ich kannte ihn aber gut genug, um seinen Vorsatz auch ernst zu nehmen. Und so kam es dann auch. Kurz nach seiner Gesellenprüfung rief ich ihn abends an, um ihm mitzuteilen, dass im neuen ‚MOTORRAD‘-Heft eine Münch zum Verkauf angeboten sei. Der Preis lag bei 7.500,- DM.

Die Anzeige in MOTORRAD 04/1979
Sandy bekam von seinem verständnisvollen Chef kurzfristig Urlaub, ich konnte mich etwas unkomplizierter vom Studium „abmelden“. Also ein schneller Anruf in Sinzheim bei Baden-Baden bei einem Harald Mack. Die Maschine war noch da. Vorkaufsrecht wurde zugesagt. Da war aber noch das Problem des Geldes. Sandy hatte ein fast leeres Konto. Ich hatte etwas mehr Glück und hatte fast 5000 DM angespart, eigentlich für eine Guzzi V7.
Meine Eltern hatten zu meinem Erstaunen Verständnis und liehen mir den Rest, der in Nidda bar abgeholt wurde, es lag ja auf dem Weg. Wir hatten abgesprochen, dass ich die Münch erst mal bekomme und Sandy mir sie von dem ja nun zu erwartenden Gesellenlohn abstotterte. Wenn er mehr als die Hälfte zurückbezahlt hat, wechselt sie zu ihm. So war der Plan und so fuhren wir dann am 27.02.1979 mit meinem etwas klapprigen VW-Porsche los.

Das Heft, das den Stein ins Rollen brachte
Wir trafen bei schönstem Wetter auf die Münch mit der Fahrgestellnummer 418, lackiert in psychedelischem Flammenmuster in Silber und lila Flake-Lack und mit der Rickman-Halbschalen-Verkleidung. Sie war jedoch nicht gerade in einem Zustand, den wir als optimal bezeichnet hätten, aber nun war schon alles finanziell geklärt und der Besitz einer Münch hatte sich bereits fest in unsere beiden Köpfe verankert. Typischer Habenwoll-Fehler.
Die Probefahrt deutete allerdings schon die kommenden späteren Macken an: Sie sprang höchst unwillig an. Lief unruhig und war nicht gerade einfach zu fahren. Aber faszinierend. Jedoch gab es da ein kleines Problem: Die Maschine war nicht angemeldet und der Verkäufer hatte es versäumt, eine rote Nummer zu besorgen.
Und da es schon nachmittags war und die Zulassungsstelle nicht mehr geöffnet hatte, mussten wir unverrichteter Dinge erst einmal wieder umkehren. Wenigstens hatten wir den Preis auf 7000,- Mark runtergehandelt.

Der Autor bei der Besichtigung
Wenige Tage später, es dürfte der 3. März gewesen sein, machten wir uns wieder auf den Weg, diesmal mit einem roten Kennzeichen im Gepäck und im Audi 100 Coupé von Sandys Vater. Schnell wurde das Kennzeichen angeschraubt und die Heimfahrt begann. Sandy fuhr zuerst.
Allerdings verlief die Fahrt nicht ganz ohne Zwischenfälle: Zunächst riss Sandy in Sinzheim das Visier seines Stratos-Integralhelms aus der Halterung. Es war nicht mehr zu reparieren. Aber das hielt ihn nicht davon ab, ohne den Schutz des Visieres weiterzufahren.
Er war zwar Brillenträger, aber toll war das nicht. So etwa auf der Höhe von Frankfurt schlug das Wetter um, ein bis dahin milder Frühlingstag wurde wolkig und windig und vor allem kalt. Wir wechselten die Fahrzeuge, Sandy durfte sich mit geröteten Augen im Audi aufwärmen und ich stieg auf die Münch.
Beim Tanken fand ich dann Öl auf einem Stiefel. Naja. Es war nicht wirklich besorgniserregend und eine Prüfung ergab, dass es nicht ans Hinterrad gelangte. Also weiter. Mangels Visiers verspürte Sandy allerdings keine Lust mehr, wieder aufs Motorrad zurückzukehren. Also Zähne zusammenbeißen und den Rest der Strecke durchhalten.
Trotz Verkleidung setzten mir Kälte und gestreckte Sitzposition doch ganz schön zu. Um die Tortur abzukürzen, fuhr ich ziemlich schnell. Die Geschwindigkeit war ungewohnt, aber schon faszinierend. In Braunschweig angekommen musste man mich fast vom Motorrad heben. Sandys Mutter versorgte uns dann erst mal mit warmen Getränken und gutem Essen. Aber wir waren heil in Bobenhausen angekommen und die Freude war groß.

Der Autor bei der Heimfahrt, aus dem Audi heraus mit der Polaroid-Kamera fotografiert. Was zählt, ist der dokumentarische Wert!
Nun kam das nächste Problem, der TÜV. Die Rickman-Halbschale war nicht eingetragen. Zwar original von Münch, aber leider ohne Papiere. Die musste weg. Sie wurde gegen den Einzelscheinwerfer ausgetauscht, was wir sogar schöner fanden. Auch musste der Höcker weichen, die Freundin sollte ja auch mit. Die Sitzbank, den Scheinwerfer und ein paar Ersatzteile besorgte ich anlässlich eines Besuches bei meinen Eltern direkt im Werk in Altenstadt, inzwischen schon Henke. Ein nettes Gespräch mit Friedel und einige Tipps gab es obendrein.

Der Autor beim häufigen Schrauben – diesmal der Kettenspanner
Dann stellten wir fest, dass die normalerweise im Ölbad laufende Sekundärkette verrostet war. Nicht gerade eine Bestätigung für die Dichtigkeit des Hinterradantriebes. Auch das wurde behoben. Dann folgten noch diverse kleinere Arbeiten, ausgeführt in meiner Waschküchenwerkstatt, und irgendwann war sie dann fertig. Nun wurde es Zeit, die Münch beim TÜV vorzustellen.
Das übernahm ich. Es lief nicht glatt. Der „Inschenjör“ kannte keine Münch und stellte insofern natürlich die Originalität des vorderen Speichenrades in Verbindung mit dem Guss-Hinterrad in Frage. Weitere zu Hilfe gerufene Prüfer wussten auch keinen Rat und man blätterte mal hier, mal da und ich wurde zusehends ärgerlicher.
Dann kam aber doch noch einer, ein ziemlich junger, der offensichtlich seinen Titel verdient hatte. Er klärte die anderen auf, was erstaunlicherweise akzeptiert wurde, und flugs hatte die Münch ihren Stempel. Danke; Herr Kracht! (So einen merkt man sich natürlich!) Nun noch anmelden und die Münch-Geschichte konnte weitergehen.

Auch Sandy schraubte – an der Münch
Zunächst aber noch eine kleine Anekdote aus den ersten Tagen davor. Es war deutlich unter null Grad und der Hof war vereist. Da ich in diesen Jahren noch nicht über eine Garage verfügte stand die Münch oft draußen hinterm Haus. Zwar unter einer Plane, aber draußen. Nun war ich heiß wie ein Dorfköter und konnte es nicht lassen, mich auf die stählerne Schönheit zu setzten. Aber das richtige Sitzgefühl kommt natürlich erst, wenn man das Motorrad vom Ständer nimmt. Dann spürt man, wie breit das Ding ist, und wie schwer. Naja, das tat ich dann auch – nur, ich konnte sie nicht wieder aufbocken, denn der Boden war eben vereist. Ich konnte mal geradeso das Ding am Kippen hindern. Guter Rat war teuer. Irgendwie gelang es mir, mit dem Fuß einen Hackklotz herbeizuangeln, auf den ich die Münch ablegen konnte. Nun hing sie da auf halb acht, aber ich konnte absteigen. Gut, dass es niemand beobachtet hatte, weder Münch noch ich machten eine gute Figur.
Als es wärmer geworden war, nahmen wir die Maschine dann teilweise auseinander. Sie sollte neu lackiert werden. Das Lilametallic nervte doch schon gewaltig. Wir waren uns ganz schnell einig: BMW-Silbermetallic würde ihr gutstehen. Die Firma Bludau und Heyroth in Braunschweig machte saubere Arbeit und das Moped sah fortan sehr viel schöner aus – noch schöner…
Größere Fahrten unternahm ich eigentlich kaum. Es trieb mich mal ins Kleinwagenmuseum nach Störy, mal in den Harz. Die längste Fahrt unternahm dann Sandy mit seiner Freundin Maren ins Alte Land. Hier gibt es noch von einer kleinen Anekdote zu berichten:
Er rollte gerade wieder auf die Autobahn, um nach Hause zu fahren, als auf der linken Spur eine blau-rote MV Agusta vorbeiknallte. Etwas übermütig empfahl er Maren, sich etwas mehr als sonst festzuhalten, weil er sich mal eben die MV aus der Nähe anschauen wollte. Eine Münch sollte ja zur angedachten Verfolgung in der Lage sein. Allerdings wurde daraus nix. Er quetschte die Münch ganz schön aus, aber die Agusta war eben doch noch ein wenig mehr Rennmaschine als unser Dickschiff. Aber immerhin konnte er sich noch die Auspufftöpfe von hinten anschauen! Über das Bild der davonziehenden MV Agusta berichtete Sandy auch später noch gerne, über das Gefühl, das er bei ihrem Kleiner werden empfand, allerdings auch…
Man kann nicht gerade von einer sorglosen Mensch-Maschine-Beziehung sprechen. Die Münch sprang nur sehr unwillig an. Das lag in erster Linie wohl an den kleinen Batterien und ich behalf mir mit immer bereitliegenden Starthilfekabeln, denn anschieben konnte man das Trumm ja auch nicht. Einmal habe ich es zusammen mit Sandy probiert. Danach musste ich einen neuen Kettenspanner bestellen, er brach weg.
Eine ganz besondere Freude machte mir die Münch, als sie eines Tages zwar ansprang, aber nur im Standgas laufen wollte. Kaum gab ich Gas, schon war sie aus, oder aber sprotzelte mit Fehlzündungen vor sich hin. Nachdem ich mich wegen aufkommender innerlicher Hitze meiner Lederkombi entledigt hatte, ohne einen Meter gefahren zu sein (ein Vorgang, der leider häufiger auftrat), fing die Bastelei an. Ich will nicht auf die vielen Versuche eingehen, die ich unternahm, den Fehler zu beseitigen. Immerhin hat das Ding zwei Weber-Doppelvergaser und eine etwas verbastelte Elektri(c)k… Aber ich will den Fehler beschreiben: Nach einigen Tagen bemerkte ich, dass die Maschine lief, wenn ich den seitlichen Deckel, hinter dem sich die Elektrik verbarg, öffnete. Schloss ich ihn wieder, gab es wieder Zündaussetzer.

4-Zylinder alt und neu
Naja – da versteckte er sich dann auch, der Fehler. Die Sicherungsleiste hatte einen Riss, der bewirkte, dass der Deckel, wenn er denn angeschraubt war, die Spannung von den Kontaktlaschen einiger Sicherungen nahm, unter anderem auch von der Hauptsicherung. Und ohne Hauptsicherung kein Strom! Das war’s, kleine Ursache, große Wirkung. Die Feder wurde etwas vorgespannt und das Moped lief wieder.
Allerdings waren derartige Vorkommnisse nicht selten. Häufiger pellte ich mich wieder aus der Kombi raus, als dass ich eine schöne stressfreie Fahrt unternehmen konnte. Und so schwand dann auch langsam die Freude an der Maschine, denn ich wollte fahren und nicht schrauben. Heute würde ich die Fehler systematisch ausmerzen, damals waren wir wohl zu ungeduldig und zu unerfahren. Das Motorrad stand inzwischen auch bei Sandy, der sich nun hauptsächlich mit den kleinen Nickeligkeiten der Münch rumärgerte.

Im Harz: Sandy probiert einmal meine Falcone
Aber es gab auch Momente, wo wir doch verdammt stolz auf unsere Münch waren. So fuhren wir beide auf der Münch eines Tages nach Braunschweig rein. Die Münch stellten wir am Horten-Tunnel ab, weil Sandy dieser Platz am sichersten erschien. Da stand sie nun und wir gingen shoppen.

Gemeinsame Ausfahrt
Als wir aber zurückkamen, stand dort, wo wir die Maschine wähnten, eine riesige Menschentraube. Ich hatte schon die schlimmsten Befürchtungen, aber es handelte sich tatsächlich nur um ‚Fans‘, die noch nie eine Münch aus der Nähe gesehen hatten. War ja auch kein Wunder, denn es war – zumindest damals – die einzige Münch, die bis dato in Braunschweig angemeldet war. Naja, wir baten um Durchlass und fuhren dann unter deutlicher Anteilnahme der Bevölkerung davon. Mensch, war ich froh, dass das Ding in dem Moment angesprungen ist.
Effektiv nutzten wir die Münch jedoch nicht einmal zwei Jahre. Ein erneuter Schulbesuch Sandys ließ ihn an andere Dinge denken und außerdem war der Unterhalt einfach zu teuer. Also wurde sie abgemeldet und in eine von mir angemietete Scheune nach Schapen gebracht, in der wir gemeinsam einen BMW-Dixi restaurierten und wo sie dann langsam vor sich hingammelte.
Das Ende der Münch Zeit war der 01.04.1984. Sandy unterschrieb den Kaufvertrag mit einem Interessenten aus Hannover. Zwar bekam er 10.000 DM, machte somit 3.000 DM Gewinn, aber Sandy stellte auch gleich fest, dass er möglicherweise einen schweren Fehler begangen hatte. Ich war beim Verkauf nicht dabei, aber er erzählte, dass er der Münch noch einmal freundschaftlich auf die Sitzbank geklopft hatte, „Ähnlich dem, wie man sich von einem alten Pferd verabschiedet, bevor es geschlachtet wird“, wie er sagte. Da war die Maschine schon auf einem Hänger verladen.
Und dann war sie weg.
Epilog:
Ich hatte meinen finanziellen Anteil an der Münch längst ausbezahlt bekommen und war stolzer Besitzer einer Guzzi V7 Special, die mich zuverlässig überallhin brachte und die ich noch heute habe, wie auch die Falcone, die ich zum Glück nicht verkauft hatte. Sandy kaufte sich eine BMW R75/5, die ich ihm dann später abkaufte und noch besitze, um sich danach eine Electra Glide zuzulegen – sein zweiter großer Traum – die er bis zu seinem Tode fuhr.
Beide saßen wir oft zusammen und träumten von der Münch-Zeit und dass es doch schade war, sie weggegeben zu haben. Ob man sie zurückkaufen solle? Und so bin ich auch seit etlichen Jahren im Münch-Club Mitglied, immer mit dem Hintergedanken, dass ich vielleicht doch mal wieder… Aber einerseits sind die Preise doch etwas prohibitiv und ich bin auch nicht mehr der Jüngste für solch einen schweren Brocken. Inzwischen reifte die Erkenntnis: Eine zweite Münch wird es wohl nicht mehr geben.
Martin Kraut
Homberg (Ohm)

Letztes Bild vor dem Verkauf