Martin Tobian – Vom wilden Fahrer zur rechten Hand, Verkaufsleiter, Testfahrer und Freund von Friedel Münch

In der Geschichte der deutschen Motorradindustrie gibt es Namen, die Kennern sofort etwas sagen – Friedel Münch, der geniale Konstrukteur hinter der legendären Münch-Mammut. Doch es gibt auch jene Persönlichkeiten, die abseits des Rampenlichts entscheidende Rollen spielten, mit Leidenschaft, Können und Herz. Einer von ihnen ist Martin Tobian – Testfahrer, Verkaufsleiter, Weggefährte und Freund von Friedel Münch. Seine Geschichte ist die eines Träumers, eines Kämpfers – und eines Mannes, der das Besondere suchte und lebte.

Vom wilden Fahrer zum geschätzten Insider

Martin Tobian war Ende der 1960er-Jahre und in den frühen 1970er-Jahren ein junger schlanker Mann mit langen Haaren, wachem Geist und einer brennenden Leidenschaft für leistungsstarke Motorräder. 1970 erfüllte er sich seinen Traum und kaufte sich – nach langem Sparen – bei einem BMW-Händler in Baden-Baden seine erste Münch. Seine 750er BMW konnte er dort in Zahlung geben. Doch statt sie sofort auszureizen, testete er sie Abend für Abend auf der berühmten Schauinsland- Rennstrecke in seiner Nachbarschaft, gleichzeitig seinem „Hausberg“ im Schwarzwald. Für Tobian war ein Motorrad nicht nur ein Fortbewegungsmittel, sondern ein Lebewesen aus Technik und Emotion, das verstanden werden wollte. Bei einer Inspektion begegnete er Friedel Münch persönlich – eine Begegnung, die alles veränderte. Die Schleifspuren an Ölwanne und Kupplungsdeckel zeugten von Tobians wilder, aber präziser Fahrweise. Münch erkannte sofort das Potenzial dieses jungen Mannes. „Der Junge ist in Ordnung“, war sein Kommentar!

Ein Unfall – und ein neuer Anfang

1972 erlitt Martin Tobian unverschuldet in Frankreich einen schweren Motorradunfall mit seiner Münch. Nach seiner Genesung musste er kurzzeitig auf eine MV Agusta 750 umsteigen – für ihn, den Münch-Enthusiasten, ein herber Rückschritt. Doch gerade dieser Unfall führte ihn zurück in die Werkstatt von Friedel Münch – und bald wieder mitten hinein in das Herz der Marke. Ein Schlüsselmoment ereignete sich, als der Geschäftsführer Herr Linde verzweifelt jemanden suchte, der Französisch sprach – am Telefon war der damalige französischer Importeur. Tobian übersetzte souverän und beeindruckte so sehr, dass er nach einem folgenden Gespräch mit Linde einen Job angeboten bekam. Er wurde Verkaufsleiter Deutschland und Testfahrer. Sein technisches Verständnis, seine Sprachgewandtheit in Französisch und Englisch sowie seine Leidenschaft machten ihn zur Idealbesetzung.

Messen, Stars und Maschinen: Martin Tobians goldene Münch-Jahre

In den folgenden Jahren war Tobian nicht nur Testfahrer und Verkäufer – er war Botschafter der Marke. Auf Messen sprach er mit internationalen Kunden, organisierte spektakuläre PR-Aktionen und fuhr Maschinen persönlich ein, bevor sie an berühmte Persönlichkeiten ausgeliefert wurden.

Motorräder, Prinzen und Fürsten – die goldene Zeit

Es folgte eine Zeit voller Anekdoten, Glanz und Adrenalin. Auf Motorradmessen traf Tobian auf Persönlichkeiten wie Prinz Albert von Belgien – damals noch unerkannt in Jeans – und lernte eine seiner wichtigsten Lektionen: Beurteile nie einen Menschen nach seinem Äußeren. In Altenstadt, wohin er zog, saß Tobian abends oft bei Familie Münch, oder war bei Friedel in der Werkstatt – aus Nachbarschaft wurde Freundschaft. Mit seiner zweiten Münch, gekauft in der Nähe von Kassel, begann eine Zeit voller spektakulärer Erlebnisse. Werbeaufnahmen in Augsburg: Ein Starfighter, ein Porsche und eine Münch 1200 im Rennen. Oder ein Dragster-Duell. Abgedrehte, unvergessliche Momente. Gunter Sachs war einer der berühmten Käufer – sein Motorrad wurde nach St. Tropez geliefert, das seines Bruders Ernst Wilhelm Sachs nach Rom. Tobian fuhr beide Maschinen ein – er wusste, wie eine Münch zu „fühlen“ war. Auch der Fürst zu Leiningen, sowie sein Bruder der Prinz zu Leiningen, bekamen ihre Motorräder persönlich von Martin Tobian übergeben. Dann kam der Anruf aus den USA: Herr Forbes, Herausgeber des berühmten Forbes Magazine, wollte zwei Münch Motorräder. Eine davon wurde auf einem Flugfeld des Münchner Flughafens Probe gefahren – Tobian wurde dabei von einem „Follow Me“- Fahrzeug zu einer vergoldeten DC-9 geleitet. Eine Szene wie aus einem Film.

Grenzerfahrungen und Rekorde

Als der legendäre Ernst „Klacks“ Leverkus die versprochene Beschleunigung von 4,2 Sekunden von 0 auf 100 km/h überprüft haben wollte, wurden Tobian und ein Chefmechaniker zu Helden. Auf dem Hockenheimring flogen die Kupplungen – sieben wurden an einem Tag gewechselt, bis der Rekord stand. Auch bei der legendären Tonaufnahme im Bergischen Land, bei der die „Münch-Single“ entstand, war er der Fahrer, während „Klacks“mit seinem Tonbandgerät im Wald saß. Eine weitere legendäre Episode: Die Inspektion der Sachs-Münch in St. Tropez. Friedel Münch und Martin Tobian reisten mit einer Werkzeugkiste und Ersatzteilen im Flugzeug an – nach charmanten Verhandlungen mit den Zöllnern. Auf der Fahrt vom Flugplatz nach St. Tropez wurden sie von einem Fahrer abgeholt, der oberkörperfrei und mit Haifischzahnkette ein halsbrecherisches Tempo hinlegte. Friedel Münch kommentierte trocken: „Der bringt uns um, mit dem fahre ich nicht zurück.“

Ein Einzelstück mit fünf Buchstaben

Doch Tobian war nicht nur Fahrer und Verkäufer – er dachte Technik weiter. Das sogenannte „Hochgeschwindigkeitsschwänzeln“ das einigen wenigen Motorrädern eigen war, ein gefährliches Zittern bei hohem Tempo, ließ ihm keine Ruhe. Er ließ den Rahmen nach vorne verlängern, Knotenbleche anders verschweißen, den Radstand optimieren – und das Resultat war ein unvergleichlich stabiles Einzelstück. Im Rahmen eingeschlagen: TOBIAN. Diese Maschine gibt es nur ein einziges Mal – die Seinige, genau wie ihren Schöpfer.

Von Flucht, Träumen und einem Mercedes

Tobians Geschichte ist auch die eines Kindes mit Träumen. 1955, sechs Jahre alt, saß er zu Hause und betrachtete ein Bild des Mercedes 300 SL mit den legendären Flügeltüren – ein Symbol von Freiheit und Eleganz. Seine Familie war nach dem Krieg geflohen, Geld war knapp, und das Wort „Flüchtling“ wurde oft zur Beleidigung. Doch Martin Tobian ließ sich nicht aufhalten. Nach seiner Münch-Zeit belieferte er katholische Kirchen in der halben Welt – mit Kerzen, Figuren, Fenstern. Und irgendwann, Jahrzehnte später, stand er vor seiner Garage – mit dem Mercedes 300 SL darin. Der Traum von damals – endlich erfüllt.

Ein Team fürs Leben

Seine Frau war all die Jahre an seiner Seite. Sie unterstützte ihn, trug seine Träume mit, lebte seine verrückten Ideen mit. Von ihrem Tod sprach Tobian leise und mit viel Liebe und Wärme über sie. Sie war nicht nur seine Partnerin, sondern sein Team. Auf vielen Einladungen hinterließ sie einen Satz, der ihr Leben und das von Martin Tobian beschreibt: „Nur wer den Mut hat zu träumen, hat auch die Kraft zu kämpfen.“

Auch wenn seine Zeit bei Münch nur wenige Jahre dauerte, hinterließ Martin Tobian einen bleibenden Eindruck in der Geschichte des Unternehmens. Seine Energie, seine Loyalität zu Friedel Münch und sein Beitrag zum internationalen Ansehen der Marke machen ihn zu einer wichtigen Figur der Münch-Ära.